Landeshauptstadt Stuttgart
Referat Sicherheit/Ordnung und Sport
Referat Soziales und gesellschaftliche Integration

Gz: SOS/SI
GRDrs 845/2022
Stuttgart,
01/20/2023


Gesellschaftlicher Zusammenhalt in den Stuttgarter Stadtbezirken -
Eine gemeinsame Untersuchung von Statistischem Amt und Sozialamt




Mitteilungsvorlage


Vorlage anzurSitzungsartSitzungstermin
Sozial- und Gesundheitsausschuss
Internationaler Ausschuss
Kenntnisnahme
Kenntnisnahme
öffentlich
öffentlich
13.02.2023
15.02.2023

Kurzfassung des Berichts:
Ausführlicher Bericht siehe Anlage 1

Sozialer Zusammenhalt kann als Gradmesser für ein gemeinschaftliches Miteinander moderner Gesellschaften gesehen werden und hat in den letzten Jahren als Analysemerkmal an Bedeutung gewonnen. Entwicklungen wie Digitalisierung, Globalisierung, demographischer Wandel, Zuwanderung und die Corona-Pandemie sind Themen, die in direktem Zusammenhang mit dem sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft stehen. Ein gutes gesellschaftliches Miteinander ist gekennzeichnet durch:
· belastbare soziale Beziehungen,
· eine positive emotionale Verbundenheit der Mitglieder mit ihrem Gemeinwesen und
· eine ausgeprägte Gemeinwohlorientierung.

Die hier vorliegende Publikation des Statistischen Amts und des Sozialamts misst gesellschaftlichen Zusammenhalt auf Ebene der Stuttgarter Stadtbezirke. Die Untersuchung nimmt auch jene Stadtbezirke in Augenschein, in denen der gesellschaftliche Zusammenhalt weniger stark ausgeprägt ist.

Die Stadtbezirke haben die Chance, auf die einzelnen messbaren Facetten des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu schauen. Das bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte, wie vor Ort der gesellschaftliche Zusammenhalt gefördert werden kann.

Ein besonderer Blick fällt bei den ausgewählten Handlungsfeldern, in denen der Zusammenhalt gestärkt werden kann, auf die soziale Quartiersentwicklung. Lebendige Nachbarschaften, gegenseitiges Verständnis und Toleranz sowie Akzeptanz gegenüber Diversität und vielfältige Kontakte sind besonders wichtig. Soziale Netzwerke in Quartieren fördern gesellschaftliche Teilhabe, können die Auswirkungen von Armut mildern und somit den sozialen Zusammenhalt stärken. Quartiersprojekte eröffnen die Chance, vor Ort das Zusammenleben positiv und vertrauensvoll zu gestalten.


Sozialraumanalysen sind für Quartiersprojekte eine wichtige Voraussetzung. Mit der vorliegenden Erhebung ist es möglich, Sozialraumanalysen, die bisher vor allem auf quantitativen Daten zur sozialen Lage basieren, mit einer Analyse des gesellschaftlichen Zusammenhalts auf Stadtbezirksebene zu ergänzen.

Zur Messung des gesellschaftlichen Zusammenhalts wird ein von der Bertelsmann Stiftung entwickeltes und erprobtes Konzept adaptiert. Im Unterschied zur Vorbildstudie, die auf einem eigens entwickelten Fragebogen basiert, wird hier auf Befragungsitems aus der Stuttgart-Umfrage verschiedener Jahre (2015 - 2021) zurückgegriffen. Auf Grundlage von 29 Indikatoren wird ein Gesamtindex Gesellschaftlicher Zusammenhalt dargestellt und den etwaigen Zusammenhängen zwischen ausgewählten strukturellen Merkmalen der Stadtbezirke und dem Gesamtindex auf den Grund gegangen.

Auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse werden ausgewählte Handlungsfelder zur Stärkung gesellschaftlichen Zusammenhalts in Stuttgart identifiziert. Es handelt sich dabei um eine Auswahl an Themen, die im Prozess der Verarbeitung der Ergebnisse dieser Analyse vor allem in den Stadtbezirken erweitert und differenziert werden müssen.

Beteiligte Stellen

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Vorliegende Anträge/Anfragen

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Dr. Alexandra Sußmann Dr. Clemens Maier Bürgermeisterin Bürgermeister




1. Ausführlicher Bericht
2. Publikation "Gesellschaftlicher Zusammenhalt in den Stuttgarter Stadtbezirken -
Eine gemeinsame Untersuchung von Statistischem Amt und Sozialamt"

Ausführlicher Bericht





Aufbau der Publikation


Das vorliegende Themenheft greift die Messung des gesellschaftlichen Zusammenhalts als zentralen Bestandteil moderner und offener Gesellschaften auf. Mit der Absicht, gesellschaftlichen Zusammenhalt auf Ebene der Stuttgarter Stadtbezirke zu messen, zielt diese Publikation darauf ab, Stadtbezirke zu identifizieren, in denen die Menschen einen eher hohen oder einen eher niedrigen gesellschaftlichen Zusammenhalt erleben. Die Untersuchung ist in 9 Abschnitte gegliedert. Nach der Einleitung wird im 2. Abschnitt ein Blick auf die Antworten geworfen, die die Wissenschaft auf die Frage nach dem Zusammenhalt in der Gesellschaft liefert. Darauf aufbauend wird in Abschnitt 3 ein von der Bertelsmann Stiftung entwickeltes und wiederholt erprobtes Konzept zur empirischen Messung gesellschaftlichen Zusammenhalts adaptiert. Der Abschnitt 4 dient der Erläuterung der Datenquellen, der Operationalisierung der Indikatoren, der Indexbildung und der Überführung der Indexwerte in kartografische Darstellungen. In Abschnitt 5 wird ein Gesamtindex zum gesellschaftlichen Zusammenhalt auf Ebene der 23 Stadtbezirke in Stuttgart vorgestellt. Da die Bildung eines Gesamtindexes immer mit einem gewissen Informationsverlust einhergeht, wird in Abschnitt 6 der Blick auf die Teilindizes der drei Bereiche Sozialbeziehungen, Verbundenheit und Gemeinwohlorientierung gerichtet. Jeder der Dimensionen liegen wiederum mehrere Einzelindikatoren zugrunde. In Abschnitt 7 wird möglichen Zusammenhängen zwischen ausgewählten strukturellen Merkmalen der Stadtbezirke und dem Gesamtindex auf den Grund gegangen. Der Abschnitt 8 dient dazu, den Bogen zu verschiedenen Handlungsfeldern, die eine Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Aussicht stellen, zu spannen und Handlungsmöglichkeiten zu skizzieren. In Abschnitt 9 wird abschließend die Einschränkung der vorliegenden Studie dem gewonnenen Mehrwert der Untersuchung gegenübergestellt.


Konzept zur mehrdimensionalen Messung von gesellschaftlichem Zusammenhalt


Die Studie stellt sich die Frage, wie die Qualität des gemeinschaftlichen Miteinanders empirisch gemessen werden kann. Nur wenn man die Zusammenhänge gesellschaftlichen Zusammenhalts besser versteht, kann man ihn auch fördern. Als drei Kernbereiche sind die Sozialen Beziehungen, die Verbundenheit und die Gemeinwohlorientierung identifiziert. Jeder einzelne Kernbereich ist in drei Dimensionen untergliedert. Gesellschaftlicher Zusammenhalt setzt sich demnach aus neun verschiedenen Bausteinen zusammen. Jede der neun Dimensionen wird über ein Indikatorenset abgebildet. Im Unterschied zur Vorbildstudie, die auf einem eigens entwickelten Fragebogen basiert, wird für diese Analyse auf Befragungsitems aus der Stuttgart-Umfrage verschiedener Jahre (2015 - 2021) zurückgegriffen. Diese werden in der Studie detailliert vorgestellt. Angaben zur Befragungsquelle und exakten Formulierung des Fragebogenitems finden sich im Anhang der Publikation.

Zentrale Ergebnisse


Das gewählte Vorgehen erlaubt einen grafischen Eindruck über das Abschneiden der einzelnen Stadtbezirke in Abschnitt 5. Für die vorgenommene Betrachtung des Gesamtindexes gilt also: Je grüner die Einfärbung eines Stadtbezirks, desto ausgeprägter der gesellschaftliche Zusammenhalt. Lila eingefärbte Stadtbezirke deuten hingegen auf einen, gesamtstädtisch gesehen, unterdurchschnittlichen gesellschaftlichen Zusammenhalt hin.


Der auf insgesamt 29 Indikatoren basierende Gesamtindex Gesellschaftlicher Zusammenhalt besteht aus den drei Teilindizes Soziale Beziehungen, Verbundenheit und Gemeinwohlorientierung. Mit einer theoretischen Bandbreite zwischen 0 und 100 erzielt der Gesamtindex im Mittel über alle Stadtbezirke einen Wert von 62,04. Der Stadtbezirk mit dem höchsten Indexwert ist Sillenbuch (66,18). Demnach erleben Sillenbucherinnen und Sillenbucher im Mittel den höchsten gesellschaftlichen Zusammenhalt in Stuttgart. Den geringsten gesellschaftlichen Zusammenhalt nehmen die Menschen in Zuffenhausen (57,00) wahr. Insgesamt ist ein Nord-Südgefälle in Stuttgart sichtbar, aber die Unterschiede fallen alle sehr moderat aus.


Der eingeschobene Exkurs zu den 23 Stadtbezirken in Abschnitt 6 dient der Darstellung von Stadtbezirksprofilen, mit welchen auf die jeweiligen Besonderheiten der einzelnen Stadtbezirke abgehoben werden kann. Hierzu wird der Blick auf den Rang, den der jeweilige Stadtbezirk im Gesamtindex Gesellschaftlicher Zusammenhalt einnimmt und dann ein Augenmerk auf die Ausprägung der neun Dimensionen gerichtet. Stadtbezirke, in denen die Einwohnerinnen und Einwohner weniger Zusammenhalt erleben, haben meist trotzdem einzelne Indikatoren, in denen sie eine Stärke aufweisen. In jedem Stadtbezirk gibt es Möglichkeiten den Zusammenhalt zu fördern.


Überprüfung struktureller Zusammenhänge


Dem Umstand geschuldet, dass auf die Stuttgart-Umfragen der Jahre 2015, 2017, 2019 und 2021 zurückgegriffen werden musste, um das mehrdimensionale Konzept des gesellschaftlichen Zusammenhalts abbilden zu können, ist es nicht möglich, Risikogruppen auf Individualdatenebene zu identifizieren, die einen schwächeren gesellschaftlichen Zusammenhalt erleben. Um dennoch eine Aussage darüber in Abschnitt 7 treffen zu können, in welchen Kontexten der gesellschaftliche Zusammenhalt schwächer ausfällt, werden gemeinsame strukturelle Merkmale herausgearbeitet, die in den Stadtbezirken mit geringerem gesellschaftlichen Zusammenhalt vorliegen. Zusammengefasst lässt sich feststellen, dass es einen strukturellen Zusammenhang zwischen Migrationserfahrung, Einkommen, Bildung und der Wahrnehmung des gesellschaftlichen Zusammenhalts gibt. Auf diesen strukturellen Zusammenhängen basieren die im Folgenden dargestellten Handlungsfelder.


Ausgewählte Handlungsfelder zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts


Die identifizierten Handlungsfelder in Abschnitt 8 haben das Potential zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Stuttgart.


Über allen Handlungsfeldern zur Förderung des sozialen Miteinanders in Stuttgart steht das Ziel, die Inklusion zu fördern und Menschen mit eingeschränkten Ressourcen zu unterstützen. Eine zentrale Aufgabe bleibt zudem die Integration von Zugewanderten und die Verbesserung der Teilhabechancen von allen gesellschaftlichen Gruppen – insbesondere die Förderung der sozialen Beziehungen und der unterstützenden Nachbarschaften.


Die Förderung gesellschaftlichen Zusammenhalts ist eine sozialpolitische und gesamtgesellschaftliche Aufgabe. In der Publikation wird nur eine Auswahl an sozialpolitischen Handlungsfeldern dargestellt, in denen die größten Chancen der Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts gesehen werden.


Die sozialen Netze und lebendigen Nachbarschaften lassen sich vor allem durch die Arbeit in den Quartieren stärken. Ein schwacher gesellschaftlicher Zusammenhalt wirkt sich auf diejenigen, die ressourcenarm sind und die auf ein funktionierendes soziales Netz sowie ein solidarisches Miteinander angewiesen sind, am stärksten negativ aus. Viele Kommunen, so auch Stuttgart, haben sich in den letzten Jahren bewusst für die Stärkung der Quartiersstrukturen und der Quartiersarbeit eingesetzt.


Um den demografischen und sozialen Herausforderungen begegnen zu können, sind tragfähige soziale Netze und Strukturen vor Ort in den Quartieren entscheidend. Soziale Quartiersansätze stellen eine Möglichkeit dar, Inklusion, Integration und das Zusammenleben der Generationen zu fördern. Isolierte Menschen mit geringen Ressourcen können so besser gestützt werden. Bei der sozialen Quartiersentwicklung geht es darum, Gemeinschaft jenseits familiärer Strukturen in den Nachbarschaften zu stärken und eine tragende soziale und vernetzte Infrastruktur sicherzustellen. Soziale Quartiersentwicklung trägt dazu bei, die Stadt inklusiver zu gestalten und fördert somit den gesellschaftlichen Zusammenhalt.


Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl, das sich also auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt negativ auswirken kann. Menschen, die isoliert sind oder sich einsam fühlen, fühlen sich weniger in ein soziales Netz eingebunden. Soziale Angebote wohnortnah zu kennen und aufzusuchen, kann Einsamkeit entgegenwirken.


Der in der Analyse dargestellte strukturelle Zusammenhang zwischen Armut und gesellschaftlichem Zusammenhalt ist hoch. Deshalb kommt der Armutsbekämpfung eine große Bedeutung für die gesellschaftliche Stabilität zu. In den Stadtbezirken, in denen die Menschen im Durchschnitt ein niedrigeres Einkommen aufweisen, fällt auch der gesellschaftliche Zusammenhalt geringer aus.


Armutsbekämpfung und Steigerung der Chancengerechtigkeit insbesondere in Bezug auf Bildung sind entscheidende sozialpolitische Pfeiler des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Einkommensarmut, Bildungsarmut und Migrationserfahrung stehen dem gelebten gesellschaftlichen Zusammenhalt häufig entgegen. Armutsbekämpfung setzt hier an. Sie ist ein wichtiger Baustein der Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.


Wirken muss die Armutsbekämpfung in den Quartieren, damit die Menschen die Verbesserung der sozialen Lage direkt erfahren können. Armutsbekämpfung wirkt positiv auf das Gerechtigkeitsempfinden und fördert das Vertrauen in die Institutionen. Sie verbessert zusätzlich die Teilhabechancen von Menschen in Armut und wirkt sich deshalb positiv auf die Dimension der gesellschaftlichen Teilhabe des gesellschaftlichen Zusammenhalts aus.


Gesellschaftliches Engagement ist unerlässlich für einen dauerhaften gesellschaftlichen Zusammenhalt. Aktuelle Krisen wie Pandemie und Ukraine Krieg zeigen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Engagements massive Auswirkungen, da sich einerseits Einige aus dem Engagement zurückgezogen haben und andererseits das Engagement stark nachgefragt wird. Es bedarf großer Anstrengungen seitens der Kommune zur Begleitung und Sicherung des gesellschaftlichen Engagements, das vielfach an seine Belastungsgrenzen gestoßen ist und zahlenmäßig nachlässt.


Eine breit aufgestellte soziale Infrastruktur ist in Quartieren notwendig, um den Zugang zu Unterstützung und Teilhabe insbesondere für ressourcenarme Einwohnerinnen und Einwohnern zu ermöglichen und dadurch gute Nachbarschaften zu fördern. Offene soziale Treffpunkte, die eine durchmischte Besucherschaft erreichen, spielen dabei eine entscheidende Rolle.


Politische Bildung zur Demokratieförderung und Akzeptanz von Diversität kann ebenfalls einen wichtigen Beitrag zur Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts leisten. Die Akzeptanz von Vielfalt stärkt den sozialen Zusammenhalt.


Die in der Analyse ausgewählten Handlungsfelder können nicht für sich isoliert betrachtet werden, da es zahlreiche Überlappungen zwischen ihnen gibt und sie in unterschiedlichen Zusammenhängen betrachtet werden müssen.


Dem Statistischen Amt und dem Sozialamt ist es in der hier vorliegenden Studie gelungen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt für Stuttgart zu messen und transparent für die Stuttgarter Stadtbezirke darzustellen. Damit ist eine Bestandsaufnahme gelungen. Die hierbei gewonnenen Erkenntnisse werden zur Stärkung von gesellschaftlichem Zusammenhalt in Stuttgart beitragen können. Stadtbezirke, in denen die Menschen heute noch einen geringeren gesellschaftlichen Zusammenhalt erleben, tun dies meist nur in bestimmten Bereichen und können auf der Grundlage der Erkenntnisse gezielt unterstützt werden. Aber auch dort, wo der gesellschaftliche Zusammenhalt heute bereits stärker ausgeprägt ist, lassen sich Bereiche identifizieren, in denen der Zusammenhalt noch gefördert werden kann.



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GRDrs 845_2022 Anl.2 Gesellschaftlicher_Zusammenhalt 2023.pdf