Landeshauptstadt Stuttgart
Referat Jugend und Bildung
Gz:
JB
GRDrs
878/2020
Stuttgart,
10/29/2020
Sonderband Bildungsberichterstattung -
Verbleibserhebung Abschlussklassen Sekundarstufe I
Mitteilungsvorlage
Vorlage an
zur
Sitzungsart
Sitzungstermin
Schulbeirat
Jugendhilfeausschuss
Kenntnisnahme
Kenntnisnahme
öffentlich
öffentlich
17.11.2020
15.03.2021
Bericht:
Der Bildungsbericht Band 2 zur Sekundarstufe I hat die Zusammensetzung der Schülerschaft in den Klassenstufen 5 bis 10 und welche Bildungsangebote ihr in der kommunalen Bildungslandschaft zur Verfügung stehen in den Blick genommen. Im Frühjahr 2019 wurde erhoben, wie sich der Verbleib der Stuttgarter Schüler*innen gestaltet, die nach der Sekundarstufe I die Werkreal-, Real- oder Gemeinschaftsschule verlassen. In diesem Umfang gab es dazu bislang keine Daten.
Der nun vorliegende Sonderband Abschlussklassen bietet die Gelegenheit, datenbasiert die Scharnierstelle zwischen den allgemeinbildenden und beruflichen Schularten und weiteren Bildungswegen in Stuttgart auszuleuchten. Dies bedeutet einen wertvollen Erkenntnisgewinn und Zwischenschritt in der Bildungsberichterstattung.
Beteiligte Institutionen
Bei der Planung und Durchführung der Verbleibserhebung wurde das Staatliche Schulamt Stuttgart eng einbezogen. Außerdem wurde das Vorhaben vom Sprecher der allgemeinbildenden Schulen in freier Trägerschaft unterstützt.
Der eingesetzte Fragebogen orientiert sich an Verbleibserhebungen, die in einem Modellprojekt des Wirtschaftsministeriums BW (Übergang Schule-Beruf BW) erfolgt sind. Für die Anpassung an die stuttgartspezifischen Erkenntnisbedarfe wurde die AG Bildungsbericht mit der darin vertretenen Fachexpertise eingebunden. In der AG sind vertreten: Jugendhilfeplanung, Schulentwicklungsplanung, Fachstelle Junge Menschen U25 des Jobcenters, Staatliches Schulamt Stuttgart, Team Berufsberatung der Arbeitsagentur, Volkshochschule Stuttgart, Abteilung Stuttgarter Bildungspartnerschaft.
Aufgrund seiner Erfahrung mit der Durchführung der Erhebung im Rahmen des Modellprojekts Übergang Schule-Beruf BW wurde das Tübinger Forschungsinstitut MTO Psychologische Forschung und Beratung mit der onlinebasierten Datenerhebung beauftragt.
Durchführung
Die Verbleibserhebung wurde an allen allgemeinbildenden Schularten (außer Gymnasien und SBBZ) durchgeführt. Gymnasien wurden nicht in die Erhebung aufgenommen, da sie regulär nicht mit der Sekundarstufe I abschließen. SBBZ wurden nicht aufgenommen, da sich diese Schulart je nach Förderschwerpunkt darin unterscheidet, welcher Schulabschluss erlangt wird.
Der eingesetzte Fragebogen richtete sich an die Lehrkräfte in den Abschlussklassen der Sekundarstufe I. Sie wurden darum gebeten, Angaben dazu zu machen, welchen weiteren Bildungsweg die Schüler*innen ihrer Abschlussklasse einschlagen wollen. Ergänzend zu diesem Verbleib wurden demografische und schulbezogene Merkmale der Schüler*innen erfragt. Diese schließen u.a. Alter, Geschlecht, Migrationshintergrund und Vorliegen der Bonuscard in der Familie ein sowie den erreichten Schulabschluss, das Leistungsniveau im Abschlussjahr und den Kontakt zu Erziehungsberechtigten. Der Fragebogen ist im Sonderband Abschlussklassen mit abgedruckt.
Das Vorhaben und die Hinweise zur Bearbeitung des Onlinefragebogens wurde den Schulleitungen der öffentlichen und frei getragenen Schulen jeweils in einer Informationsveranstaltung vorgestellt. Diese fanden im Juni 2019 statt. Der Erhebungszeitraum, in dem die Lehrkräfte den Fragebogen bearbeiten konnten, lag zwischen dem 1. und 31.07.2019. In dieser Zeit gelang es, vollständige Rückmeldung zu den Schüler*innen in den Abschlussklassen aller öffentlich getragenen Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen zu bekommen. Abgesehen von zwei Ausnahmen, haben die frei getragenen Schulen der relevanten Schularten ebenfalls vollständig an der Verbleibserhebung teilgenommen.
Datenbasis
Im Sonderband Abschlussklassen wird die in der Verbleibserhebung untersuchte Stichprobe von Schüler*innen beschrieben und dargestellt, welche Bildungswege sie nach dem Ende der Sekundarstufe I nehmen. Dank der vollständigen Rückmeldung von den Schulen basieren die Ergebnisse auf einem belastbaren Datensatz mit Angaben zu 2.655 Schüler*innen. Davon stammen 2.391 Fälle von den öffentlich getragenen Schulen in Stuttgart. Zudem ist es mit diesem Datensatz erstmals möglich, Aussagen über Jugendliche zu treffen, bei denen sowohl eine Bonuscard in der Familie vorhanden ist als auch ein Migrationshintergrund gegeben ist. Bisher war eine gleichzeitige Auswertung beider Merkmale nicht möglich, da sie nicht auf Individualebene und in jeweils eigenen Statistiken erhoben werden.
Zentrale Ergebnisse und Empfehlungen
Die Auswertung erfolgte fragengeleitet mit Blick auf die unterschiedlichen demografischen und schulart- bzw. leistungsbezogenen Merkmale der Schüler*innen. Im Folgenden werden zentrale Ergebnisse mit Bezügen zu den Themen Durchlässigkeit des Bildungssystems, Bildungsrisiken und Berufsorientierung dargestellt.
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Flexibilität im Bildungsweg auch nach dem Abschluss:
Nach Abschluss der Sekundarstufe I in Klassenstufe 9 bzw. 10 haben sich 70,1 % bzw. 51,6 % der Abgehenden für die Fortsetzung des Schulbesuchs mit der Aussicht auf einen höheren Bildungsabschluss entschieden, entweder im allgemeinbildenden oder beruflichen Schulsystem. Dies zeigt, dass die weitere schulische Qualifizierung nach der Sekundarstufe I real umgesetzt wird: Der weitere Bildungsweg in Stuttgart ist nach dem ersten Bildungsabschluss offen. Die Übergangsentscheidung nach der Grundschule legt den weiteren Bildungsweg nicht abschließend fest.
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Armut als wesentlicher Risikofaktor für Bildungschancen:
In der Bildungsberichterstattung auf Bundesebene wurde darauf hingewiesen, dass Jugendliche aus Familien mit eingeschränkten finanziellen Mitteln eher von einem bildungsbezogenen Risiko betroffen sind, als Jugendliche mit Migrationshintergrund (z.B. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2018). Dieser Befund konnte auf Basis der Verbleibserhebung nun erstmals datenbasiert für Stuttgart gezeigt werden: Von den Jugendlichen aus Familien mit Bonuscard haben 51,6 % die Sekundarstufe I mit mittlerem Bildungsabschluss verlassen. Dieser Anteil liegt bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund bei 59,9 %; von den Jugendlichen ohne Bonuscard haben 70,7 % den mittleren Bildungsabschluss erworben. Zudem liegt das durchschnittliche Leistungsniveau der Jugendlichen mit Bonuscard niedriger. Nach Einschätzung der Lehrkräfte haben mehr als ein Drittel (34,3 %) nur ein ausreichendes oder schlechteres Leistungsniveau erreicht. Es bleibt eine Daueraufgabe für das Bildungssystem, den schulischen Erfolg von dem sozioökonomischen Status der Eltern zu entkoppeln.
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Elternkontakt ist keine Selbstverständlichkeit:
Beachtlich erscheint, dass der Kontakt zwischen Eltern und Lehrkräften im Abschlussjahr nicht flächendeckend vorhanden ist (71,8 %). Ohne hier sagen zu können, ob dies an den Lehrkräften oder den Eltern liegt, lässt sich dennoch konstatieren, dass nicht immer von einer Partnerschaft gesprochen werden kann. Es wäre zu prüfen, wie diese gestärkt werden kann.
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Ausbildung wird eher nachrangig gewählt:
Je besser die Ergebnisse des Schulabschlusses sind, desto häufiger schließt ein weiterer Schulbesuch an. Die Ausbildung wird in der Regel mit einem mittleren Leistungsniveau angestrebt, nur sehr selten mit guten oder sehr guten Noten. Im Übergangssystem finden sich häufiger Schüler*innen mich schwächeren Schulleistungen.
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Viele Jugendliche mit unklarer Perspektive:
Am Ende des Schuljahrs 2018/19 wussten 193 Schülerinnen und Schüler (7,3 % der Stichgruppe) laut den Angaben ihrer Lehrkräfte selbst noch nicht, welchen Pfad sie auf ihrem weiteren Bildungsweg gehen möchten. Anders als bei Abiturient*innen besteht in der Regel eine Berufsschulpflicht, sodass eine reine Auszeit nicht möglich ist. Die Schule ohne Anschluss zu verlassen erhöht das Risiko einer unsicheren Bildungs- und Berufsbiografie. Die Berufsorientierung an Schulen soll helfen, den Übergang gut zu bewältigen. Viele Akteure bringen sich dabei ein. Die Schulen und ihre Kooperationspartner könnten dabei unterstützt werden, ihre Konzepte zur Berufsorientierung weiterzuentwickeln.
Weitere Schritte
An die Ergebnisse dieser ersten Verbleibserhebung in Stuttgart wird innerhalb einer neuen Studie „Corona und Bildung“ der Abteilung Stuttgarter Bildungspartnerschaft angeknüpft werden. Insgesamt hat sie zum Ziel, datenbasiert darzustellen, wie sich die Pandemie in der kommunalen Bildungslandschaft auswirkt.
Derzeit findet die Auswertung der zweiten Verbleibserhebung statt, die am Ende des abgelaufenen Schuljahrs 2019/20 durchgeführt wurde. Anschließend werden die Befunde aus der ersten und zweiten Verbleibserhebung in Abschlussklassen der Sekundarstufe I miteinander verglichen. Dabei wird es auch um die Frage gehen, wie sich die Pandemie sowohl durch die Veränderung der Abschlussvorbereitung als auch durch die Veränderung des Ausbildungsmarktes auf die Schüler*innen auswirkt.
In Abstimmung mit den beteiligten Ämtern werden auf der Basis der Ergebnisse beider Verbleibserhebungen den Schulen Gespräche angeboten, um schulstandortspezifische Handlungsbedarfe zu identifizieren. Themen wie Elternkooperation, Chancengleichheit oder Berufsorientierung könnten dann Ausgangspunkt von Entwicklungsprozessen werden.
Eine dritte Durchführung der Verbleibserhebung am Ende des Schuljahres 2020/21 wird derzeit geprüft.
Beteiligte Stellen
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Vorliegende Anträge/Anfragen
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Isabel Fezer
Bürgermeisterin
Sonderband Abschlussklassen - Verbleibserhebung Sekundarstufe I
<Anlagen>
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Sonderband_Abschlussklassen.pdf